Die Keltensiedlung

Die Höhburg – Siedlung

Ein „vergessenes“ Kelten – Oppidum

von Werner Richter & Karsten Klenke, Weilburg 2016

Ausgewiesenes Denkmalschutzgebiet:

 

Teil 1    Das Keltengebiet im südlichen Westerwald

Das Denkmalschutzgebiet der Keltensiedlung ist in neuerer Zeit weder erforscht noch im Internet ausführlich beschrieben worden. In der Fachliteratur wurde es außer durch den Weilburger Karl Heymann im 20. Jahrhundert, 1936-1956, nicht in seiner ganzen Breite für ein so bedeutendes archäologisches Gebiet erforscht. Es ist ein Bereich, der Reste menschlicher Besiedlung aus mehreren Epochen der Vor-und Frühgeschichte deutlich erkennen lässt:
Bronzezeit ca. 2000 – 800  v.Chr.
Hallstattzeit ca.   800  – 450  v.Chr.
Latènezeit   ca.   450   –   0  v. Chr.
Das von Löhnberg, Waldhausen,  Merenberg und  Barig-Selbenhausen eingerahmte Waldgebiet enthält mehrere bemerkenswerte Hügel. Zwischen diesen Erhebungen mit Ringwallanlagen erstrecken sich Hochplateaus verschiedener Ausdehnung, die als keltische Siedlungen die befestigten Hügel miteinander verbinden. Das zentrale Oppidum ist die „Höhburg“ bei Merenberg, die als Keimzelle der besiedelten Hochplateaus angesehen werden kann. Dieser Hügel wird schon in der Bronzezeit besiedelt, während der „Hinterste Kopf“ bei Löhnberg  und der „Rote Kopf“ in der Hallstattzeit und der Latènezeit nachfolgen. Die frühe Datierung der Höhburg ist durch Keramikfunde nachgewiesen.

Im Vordergrund Rest des Ringwalls Höhburg, im Hintergrund Schutzhütte
Die in Friedenszeiten nicht bewohnten Ringwallanlagen dienten der keltischen Bevölkerung der Siedlungen auf den Hochplateaus als Schutz- und Rückzugsort, der durch sogenannte „keltischen Mauern“ gesichert war. Der Bau der Ringwälle auf den Bergkuppen des Basaltgebietes der südlichen Westerwald Abhänge wurde durch das auf den Kuppen vorhandene Basaltsteinmaterial erleichtert, da der unnötige Transport von Baumaterial von unten nach oben entfiel. Die Bauweise der Befestigungsmauern bestand aus horizontal und vertikal ineinander verkeilten Baumstämmen mit einer Füllung durch vorhandenes Steinmaterial. Das System war effektiv. Erst im gallischen Krieg Caesars 58 bis 50 v.Chr. gelang es den römischen Legionären,  unter dem Schutzdach der von Schilden gebildeten testudo = Schildköte die keltischen Mauern zum Einsturz zu bringen, indem sie sie untergruben und die Baumstämme im geschaffenen Hohlraum durch gelegtes Feuer beschädigten. So brachten sie die Mauern zum Einstürzen. Die Wallanlagen, die Größe der Siedlungsgebiete und Ackerflächen lassen den Schluss zu, dass in diesem Raum von 12 Hektar nach Angaben der Sachbearbeiterin des Amtes für Denkmalschutz des Landes Hessen in Wiesbaden, Frau Dr. Schade-Lindig , eine Keltensiedlung mit bis zu 10.000 Einwohnern bestand. Die Aussage beruht auf der Größe der auf den Hochplateaus befindlichen Ackerterrassen und der Anzahl der Grundmauern der Wohnhäuser, sogenannter Wohnpodien in diesen Kulturschichten. Ausgrabungen und Suchschnitte in den Dreißiger-und Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts belegen das. Die Bodenfunde liegen archiviert im Weilburger Bergbau-und Heimatmuseum.


Es ist erstaunlich, dass die weitverbreitete keltische Kultur fast nur auf mündlicher Tradition beruht. Zwischen 50 v.Chr. und 120 n. Chr. haben einige aus dem Mittelmeerraum stammende Feldherren, Historiker und Geographen die Welt der Kelten beschrieben, die sie als Celtae oder Keltoi bezeichneten. Vielen Deutschen ist Gaius Iulius Caesars „De bello gallico“ (der Gallische Krieg) 58-50 v.Chr. aus ihrer Schulzeit bekannt. Das Werk ist eine interessante literarische Leistung, aber der Inhalt ist mit Vorbehalt zu betrachten, da wir die Kelten oder Gallier nur aus der Sicht der propagandistischen und politischen Interessen des römischen Feldherrn und Politikers wahrnehmen. Auch in der „Germania“ des Publius Cornelius Tacitus aus der Zeit um 100 n. Chr. kann der Autor manchmal nicht  zwischen Germanen und Kelten unterscheiden. Die Eingrenzung der antiken Siedlungsgebiete der Kelten ist wegen der ungenauen Sachkenntnis der aus der lateinischen und griechischen Kultur stammenden Autoren sehr schwierig. Caesars Trennung in Germanen östlich des Rheins und Kelten westlich des Flusses ist auf Grund archäologischer Funde unzutreffend. Bei dem Vorstoß an einige Punkte im Lahntal befanden sich die Römer meistens auf keltischem Gebiet.

Teil 2   Leben und Kultur der Keltensiedlung im südlichen Westerwald

Die in den vergangenen 60 Jahren, seit 1956, unberührten Siedlungsräume  sind in ihrer Größe einmalig und daher eine große Bereicherung für diesen Teil des Landkreises Limburg-Weilburg. Die nördlich des Föhlerbach Tales gelegene Wallanlage des „Almerskopf“ wurde wegen ihrer Bedeutung schon 1879 von dem Konservator der preußischen Provinz Hessen-Nassau Karl August von Co-hausen beschrieben , der sich bei der Limesforschung im Taunus große Verdienste erworben hat. Er hat übrigens auch die Steedener Kalkhöhle der „Wildscheuer“ untersucht. Auch der Heimatforscher und Forstmeister H. Behlen aus Weilburg hat in dem Keltengebiet 1921- 1923 Grabungen durchgeführt. Karl Heymann, von 1931 bis 1964 Leiter des Heimatmuseums in Weilburg und Denkmalpfleger des Oberlahnkreises, erkannte die historische Bedeutung dieses  Gebietes und hat zwischen 1936 und 1956 die Planaufnahme der Höhburg bei Merenberg mit den Plateaus und Ackerterrassen erstellt.

Diese Ackerterrassen sind wegen der Sonneneinstrahlung nach Süden/ Südwesten angelegt. Die Kelten bauten auf den Ackerterrassen mit ca. 60 cm starkem Ackerboden Getreidesorten wie Emmer, Dinkel, Gerste und in einigen besonders warmen Gebieten auch Hirse an. Schon in der Bronzezeit (ab 2000v.Chr.) waren auch Hülsenfrüchte in Mitteleuropa verbreitet. Für die Ernährung der Menschen waren Hülsenfrüchte wie Linsen, Erbsen und Ackerbohne vorhanden. Die Menschen dieser Zeit waren besonders stark auf die Natur angewiesen und von ihr sehr abhängig. Vielleicht haben sie die Erfahrung gemacht, dass Erbsen, Linsen und Bohnen wegen der Ballaststoffe die hungrigen Mägen eher satt machen. Die Getreidesorte des Emmers eignete sich bestimmt für den Anbau am südlichen Rand des Westerwaldes, da er bereits drei Monate nach der Aussaat erntereif ist. Die für die Historiker wichtige Archäobotanik kann heute wichtige Aufschlüsse über die antike Wirtschaftsweise, Ernährung, Umwelt und Klima liefern. Bei der Viehzucht konnten die Wälder extensiv als Viehweiden genutzt werden. Es war notwendig, Eicheln und Bucheckern für den Wintervorrat zu sammeln. Man denke nur an die Nachkriegszeit von 1945 bis zur Währungsreform 1948, als Erwachsene und Kinder dieser Sammeltätigkeit nachgehen mussten!
Die Ernährung eines so großen Siedlungsraumes konnten die Kelten durch achtbare Erfolge in der Landwirtschaft erzielen. Das war erst möglich, als sie die Fertigkeit entwickelten, Eisen zu verhütten und daraus haltbare Werkzeuge wie Pflugscharen zu schmieden. Dafür brauchten sie neben dem Eisenerz auch eine geeignete Energie. Hierfür nutzten die Kelten die in Meilern gewonnene Buchenholzkohle, um in den sogenannten Renn- oder Waldöfen Eisenerz zu schmelzen. Der schon erwähnte Karl Heymann hat diese Verhüttung in den heimischen Wäldern untersucht, wobei er  die Gegend von Dietenhausen erforschte.
Römische Schriftsteller erwähnten mit Bewunderung die von Pferden gezogenen
Pflüge, die sogar die Schollen wendeten. Pferde wurde vor allem als Reit- und Zugtiere für den Ackerbau und Transport verwendet. Zur Deckung des Bedarfs wurden Haustiere wie Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine und gegen Ende der Latènezeit, 200- 100 v. Chr. auch schon Hühner gehalten.


(Rekonstruierte  Häuser)
Als Getränke nahmen die Kelten neben Milch, Met, Wasser auch Bier. Das lateinische Wort für Bier „Cerevisia“ ist ein keltisches Lehnwort. Wasser war bei den Kelten weiblich. Es war für sie eine lebensspendende Kraft, und daher rühren möglicherweise zahlreiche weibliche Namen in Mittelhessen und auch in unserem Heimat weibliche Namen für Wasserläufe wie die Lahn, die Weil, die Dill und die Worstbach (Löhnberg), die Walderbach (Waldhausen) , die Lützelbach (Weilburg).
Angesichts der Größe des keltischen Siedlungsgebietes und der vom Denkmalamt in Wiesbaden vermuteten Bevölkerungszahl von 10.000 Menschen müssen eine Reihe von Fragen und Themen durch die Forschung bearbeitet und geklärt werden. Die Ausdehnung und Bevölkerungszahl erfordern bestimmte „politische“ Strukturen. Der hierarchische Aufbau einer so großen Gesellschaft setzt einen „Fürsten“ voraus.
Im Naturverständnis der Kelten spielen Flüsse und markante Steine und Felsen eine zentrale Rolle, die auch den religiösen Bereich mit einschließt. Die Kelten glaubten, dass die Verstorbenen im Stein der „Anderswelt“ leben. Sie errichteten Steine und Stelen und bestatteten ihre Toten in Steinkisten-oder Hügelgräbern wie z.B. bei Selbenhausen. Die in der Vorstellung der Menschen von Hünen à la Obelix und Asterix benutzten riesige Steine und Felsbrocken werden zu „Hinkelsteinen“, die besonders zahlreich in Gallien und auf den Britischen Inseln überdauert haben.
Der markante zweigipflige Felsen an der zur Lahn steil abfallenden Hauseley in Weilburg kann nach dem Naturverständnis der Kelten als religiöser Ort angesehen werden. Die Archäologie konnte in Süddeutschland Verbindungen von Keltensiedlungen bis in den Mittelmeer-und Donauraum feststellen. Welche Verbindungen hatten die Kelten des südlichen Westerwaldes mit anderen Siedlungsräumen in Hessen oder gar mit Kelten westlich des Rheins in Gallien oder Belgien? Im Landkreis Limburg-Weilburg gab es in der Gemeinde Dornburg ein weiteres großes Oppidum auf einer 37 Hektar großen Hochfläche, die heute durch den Basaltabbau nur noch 18 Hektar umfasst. Welches Schicksal erlitt der heimische Keltenbereich, als er zwischen Germanen und Römern zerrieben wurde?
Das Keltengebiet am Südhang des Westerwaldes ist in vieler Hinsicht einmalig. Es wurde bis auf wenige Untersuchungen im 19. und 20. Jahrhundert  unberührt
gelassen. Es wird auch beim Denkmalamt in Wiesbaden und den Historikern abgewartet, bis man bessere Grabungsmethoden hat. Die Reste der Ackerterrassen und Wohnpodien sind ohne Bodenabdeckung zum Teil erkennbar. Die geringe Bodenabdeckung mahnt zur Vorsicht beim Wegebau und bei der Forstwirtschaft.
Für die interessierte Öffentlichkeit bieten sich Exkursionen mit Führungen an, die bei Bodendenkmälern zum besseren Verständnis notwendig sind. Erst dann wird man die verschiedenen Aspekte der Wallanlagen und Siedlungen verstehen und schätzen können. Ein solcher „sanfter“ Tourismus steht nichts im Wege. Es bleibt zu hoffen, dass die Wahrnehmung eines solchen archäologischen Schatzes durch viele zu seiner Bewahrung beiträgt.

Quellen: Inventar der vor-und frühgeschichtlichen Denkmäler im Regierungsbezirk Wiesbaden, Band I: Der Oberlahnkreis, bearb. von Karl Wurm, 1963.

Lancelot Lengyel, Le Secret des Celtes (Geheimnis der Kelten),Paris 1969

Denkmalpflege und Kulturgeschichte, Heft 4, 2015 hrg. vom Landesamt für
Denkmalpflege in Hessen, Wiesbaden